Der Hahn, die Katze und das Mäuschen


Der Hahn, die Katze und das Mäuschen
© RainerSturm / PIXELIO

Ein junges Mäuschen, das nichts von der Welt noch sah,
Kam dem Verderben ziemlich nah.
Hört, wie's der Mutter selbst erzählt sein Abenteuer:
»Den Berg erklomm ich, der dort unser Reich umschließt,
Und wie ein Kind, das froh genießt,
Renn ich und freu mich ungeheuer,
Als mein erstaunter Blick zwei Tiere jetzt gewahrt,
Das eine mild, von sanfter Art,
Das andre ungestüm, rastlos flatternd und springend,
Die Stimme rauh und markdurchdringend,
Aufs Haupt ein Stückchen Fleisch geklebt,
Und eine Art von Arm, den wie zum Flug es hebt;
Hinten sah einen Schweif ich ragen,
'nem Helmbusch gleich zur Schau getragen.« -
Was war's? Es war ein Hahn, den unser Mäuschen klein
So schildert seinem Mütterlein,
Als war's ein Tier, das aus Amerika gekommen.
»Die Seiten schlug er« - sprach's - »mit seinen Armen sich
Und macht 'nen Lärm so fürchterlich,
Daß ich, dem, Gott sei Dank, sonst nicht der Mut benommen,
In scheuer Flucht mein Heil gesucht
Und ihn von Herzensgrund verflucht.
Ja, war er nur nicht dagewesen,
Macht ich Bekanntschaft wohl mit jenem feinen Tier,
Es ist so sammetweich wie wir,
Gefleckt, langschwänzig, von demütig sanftem Wesen,
Bescheidnem Blick und doch 'nem Auge glänzend klar;
Und Freundschaft fühlt's, ich glaub's fürwahr,
Für unser edles Volk, auch gleichen seine Ohren
Ganz denen, die uns angeboren.
Ich wollt ihm nahn, war bei des ändern gellem Ton
Mir besser nicht die Flucht erschienen.« -
Die Alte drauf: »Der Schelm, 'ne Katze war's, mein Sohn,
Die unter heuchlerischen Mienen
Sich gegen unser ganz Geschlecht
Nichtswürd'ger Bosheit nur erfrecht.
Das andre Tier dagegen, grade
Sehr weit entfernt, daß es uns schade,
Dient uns vielleicht noch einst als gutes Mahl; doch sie,
Die Katze, lebt von uns und frißt uns, Groß' und Kleine.
Hut dich und schätz im Leben nie
Die Menschen nach dem äußern Scheine.«



Der Hahn, die Katze und das Mäuschen
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