Der Wolf und das Lamm


Der Wolf und das Lamm
© Silke Schellenberger / PIXELIO

Ein Wolf, dessen Geschäft in Schafen etwas flau
Nachgrade ging, mochte wohl meinen,
Gut war's, in anderer Gestalt, wie'n Füchslein schlau,
Und nur vermummt noch zu erscheinen.
Er kleidet sich als Hirt, zieht einen Kittel an,
Als Stab hat er 'nen Knittel, dann
Den Dudelsack auch mitgenommen.
Und um die Täuschung ganz vollkommen
Zu machen, schrieb er gern an seinen Schäferhut:
»Guillot bin ich, der Hirt, in dessen treuer Hut
Die Herde steht.« — In diesem Kleide
Schlich, auf den Stab gestützt die Vorderfüße beide,
Der falsche Guillot leis herbei und unentdeckt.
Guillot, der wahre Hirt, lag da, auf grüner Heide
In festem Schlummer ausgestreckt.
Sein Hund schlief ebenfalls und, satt von fetter Weide,
Die meisten Schafe auch, da nichts sie weckt und schreckt.
Fein, mit der List des Diplomaten
Hätt gern der Schelm gelockt die Schaf in seinen Bau,
Und zur Verkleidung fügt' er noch das Wort höchst schlau;
Denn also schien es ihm geraten.
Das war die dümmste seiner Taten;
Denn da des Hirten Ton zu treffen ihm mißlang,
War, wie nur sein Geheul im Walde widerklang,
Sein ganz Geheimnis bald verraten.
Vor Schreck ob dieser Stimme wird
Gleich alles wach, Schaf, Hund und Hirt.
Der arme Wolf in Angst und Bangen
Kann sich, durch seinen Rock beirrt,
Nicht wehren noch zur Flucht gelangen.
Auf irgendeine Art läßt jeder Schelm sich fangen.
Wer Wolf ist, laß als Wolfsich sehn,
So wird er meistens sichergehn.




Der Wolf und das Lamm
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