Die Eiche und das Schilfrohr


Die Eiche und das Schilfrohr
© M. Großmann / PIXELIO

Die Eiche sprach zum Schilf: »Du hast,
So scheint mir, guten Grund, mit der Natur zu grollen:
Zaunköniglein ist dir schon eine schwere Last;
Der Windhauch, der in leisem Schmollen
Des Baches Stirn unmerklich fast
Kräuselt, zwingt dich, den Kopf zu neigen,
Indes mein Scheitel trotzt der heißen Sonne Glut,
Gleich hoher Alpen Firn, und nicht des Sturmes Wut
Vermag mein stolzes Haupt zu beugen.
Was dir schon rauher Nord, scheint linder Zephir mir.
Ja, standst du wenigstens, gedeckt von meinem Laube,
In meiner Nachbarschaft! Dann, glaube,
Gern meinen Schutz gewährt ich dir,
Du würdest nicht dem Sturm zum Raube.
So aber stehst am feuchten Saum
Des Reichs der Winde du in preisgegebnem Raum.
Sehr ungerecht an dir hat die Natur gehandelt!« -
»Das Mitleid« — sagt das Rohr — »das plötzlich dich anwandelt,
Von gutem Herzen zeugt's; doch sorge nicht um mich!
Glaub, minder drohet mir als dir der Winde Toben;
Ich bieg, ich breche nicht. Bis heut zwar hieltst du dich
Und standst, wie furchtbar sie auch schnoben,
Fest, ungebeugt an deinem Ort.
Doch warten wir es ab!« - Kaum sprach es dieses Wort,
Da, sieh, am Horizont in schwarzer Wolke zeigt sich
Und rast heran ein Sturmesaar,
Der Schrecken schrecklichster, den je der Nord gebar.
Fest steht der Baurn, das Schilfrohr neigt sich.
Der Sturm verdoppelt seine Wut
Und tobt, bis er entwurzelt fällte
Den, dessen stolzes Haupt dem Himmel sich gesellte,
Und dessen Fuß ganz nah dem Reich der Toten ruht.




Die Eiche und das Schilfrohr
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