Die Lerche mit ihren Jungen und der Gutsbesitzer


Die Lerche mit ihren Jungen und der Gutsbesitzer
© Thomas Heinz / PIXELIO

Verlaß dich nur auf dich - laß dir vom Sprichwort raten.
Hört, wie Asop mit Witz und Geist
Dies beweist.
Die Lerche baut ihr Nest zumeist
Im Korn zur Zeit, wann grün die Saaten,
Das heißt zur Zeit, da in der Welt
Fruchtbar sich alles mehrt in trautem Liebesbunde,
Das Seetier auf des Meeres Grunde,
Im Wald der Tiger, und die Lerche auf dem Feld.
Doch halt ein Lerchlein unbesonnen
Den halben Lenz versäumt, als es aufs Herz ihr fällt,
Daß nicht gekostet sie der Lenzesliebe Wonnen.
Endlich entschloß sie sich, den schuldigen Tribut
Zu zollen der Natur und Mutter noch zu werden:
Sie baut ein Nest, sie legt, sie brütet, ohn Beschwerden
Läßt sie auskriechen - 's ging auch aües möglichst gut.
Das Korn ringsum wird reif, eh noch, im Nest geborgen,
Die junge Brut sich stark genug
Und sicher fühlt zu weitrem Flug.
Die Mutter Lerche, drob bewegt von tausend Sorgen,
Geht Futter suchen; doch: »Seid stets auf eurer Hut« -
Sagt zu den Kleinen sie — »und hübsch in acht genommen!
Wenn der Besitzer von dem Gut
Mit seinem Sohne kommt — und sicher wird er kommen —,
Merkt auf: hier, je nachdem er spricht,
Ist länger unsres Bleibens nicht.« —
Kaum hat von ihrer Brut die Lerch Abschied genommen,
Kommt gleich mit seinem Sohn der Gutsherr in die Näh:
»Das Korn ist reif« — spricht er — »zu unsren Freunden geh
Und bitte sie, daß sie mit ihren Sicheln kommen
Uns helfen morgen früh beim ersten Sonnenblick.« —
Die Lerche kehrt ins Nest zurück
Und sieht die Brut voll Angst und Grauen.
Das eine sagt: »Er sprach, beim ersten Morgengrauen
Stellen die Freunde sich zu seiner Hilfe ein.« —
»So? Sagt' er weiter nichts« - erwidert drauf die Alte -
»Dann hat's noch gute Weil mit unsrem Aufenthalte;
Doch morgen paßt wohl auf und prägt euch alles ein.
Hier habt ihr Futter, laßt uns heute lustig sein!« —
Geborgen schlafen sie, Mutter und Kind' im Bunde.
Der nächste Morgen kommt, doch läßt kein Freund sich sehn.
Die Lerche steigt empor, der Gutsherr macht die Runde,
Wie er's gewohnt zu dieser Stunde.
»Das Korn dürft keinen Tag« — spricht er — »jetzt länger stehn.
's ist von den Freunden schlecht und schlecht auch, sich auf Dritte
Verlassen, die so faul und ungefällig sind!
Zu den Verwandten geh, mein Kind,
Und rieht an sie dieselbe Bitte.« —
Der Schrecken ist im Nest nun größer denn zuvor:
»Zu den Verwandten schickt er jetzt! Ach, ohne Schonung« —
»Nein, Kindchen, legt euch still aufs Ohr,
Wir rühren uns nicht aus der Wohnung!« —
Die Lerche hatte recht, denn keine Seele kam.
Nun ging der Herr des Guts zum drittenmal und nahm
In Augenschein das Korn: »Wir waren große Toren« —
Sagt er - »da wir gemeint, auf andre sei Verlaß.
Kein beßrer Freund wird je uns, als wir selbst, geboren;
Daran halt immer fest, mein Sohn! Und weißt du, was
Wir tun? Wir all im Haus werden uns selbst bequemen
Und morgen in der Früh zur Hand die Sichel nehmen.
f4icht lange währen soll's, dann ist der Schnitt gemacht
Und unsre Ernte eingebracht." -
Wie das die Lerche hört, kommt sie zum Nest geflogen:
«Jetzt, Kinder, gilt's! Seht, daß ihr reisefertig seid!« -
Da sind die Jungen, fluchtbereit,
Hals über Kopf zu gleicher Zeit
Ohn Sang und Klang davongezogen.



Die Lerche mit ihren Jungen und der Gutsbesitzer
Tip: Der Mann im Mond - Online