Die Schwalbe und die kleinen Vögel


Die Schwalbe und die kleinen Vögel
© Karl-Heinz Liebisch / PIXELIO

War einst 'ne Schwalbe, die auf Reisen
Gar viel gelernt: Wer viel und mancherlei gesehn,
Wird auch so manches wohl verstehn.
Sie sah von ferne schon die leichtste Brise kreisen,
Und eh zum Sturmwind die erwuchs,
Verkündet sie's den Schiffern flugs.
Da nun die Jahreszeit kam, wo der Hanf gesät wird,
Sah einen Landmann sie, der ihn in Furchen streut.
»Das mißfällt mir!« — sprach sie. »Ihr Vöglein, seid gescheut!
Ihr dauert mich; denn ich, ich geh, bevor's zu spät wird,
Weit fort und berge mich da, wo ich sicher bin.
Doch ihr - seht ihr die Hand dort hin und her ihn schwingen?
Glaubt mir: 's ist nicht mehr lange hin,
Dann wird, was jetzt sie streut, euch, ach! Verderben bringen.
Da wird zu eurem Fang manch Netz gar meisterlich
Gelegt und mancher Dohnenstrich;
Man stellt euch nach, man legt euch Schlingen.
Dann kommt die Zeit der schweren Not,
Wo euch Gefängnis oder Tod,
Der Käfig oder Bratspieß droht.
Drum rat ich euch, jetzt wegzufressen
Den Samen. Folgt mir und seid klug!« —
Die Vöglein höhnten sie vermessen,
Sie hatten Futters ja genug!
Man sah das Hanffeld grün sich färben.
Da sprach die Schwalbe: »Schnell! Reißt, Halm für Halm, jetzt ab
Das Gras, das jener Same gab;
Sonst bringt es sicher euch Verderben.« —
»Unglücksprophet!« - schrien sie - »Geschwatzter Phrasenheld!
Ein schöner Rat, um uns zu retten!
Da tausend Mann wir nötig hätten,
Jetzt kahl zu mahn dies ganze Feld!« -
Als nun der Hanf in Samen schoß,
Da rief die Schwalb: »O weh!« - und schüttelte das Haupt.
»Das böse Kraut! Wie schnell es sproß!
Doch ihr, die ihr bisher noch nimmer mir geglaubt,
Merkt jetzt euch dies: Seht ihr die Fluren
Voll Stoppeln, hat der Mensch sein Feld
Fertig für dieses Jahr bestellt
Und folgt als Feind er euren Spuren,
Stellt Fallen er und Netze fein
Den armen kleinen Vögelein,
Dann hütet euch umherzufliegen!
Dann bleibt zu Haus, vielmehr verlaßt dann diesen Ort,
Wie Kranich, Schnepf und Storch auf ihren Wanderzügen.
Ach, leider könnt ihr ja nicht fort,
Nicht über Land und Meer, wie wir, zum Flug euch rüsten
Nach fremden Weltteils fernen Küsten!
Drum, glaubt mir, ist für euch die einz'ge Rettung noch,
Euch still zu bergen in ein sichres Mauerloch.« —
Die Vöglein, statt der weisen Kunde
Zu lauschen, fingen an zu schwatzen, Oh und Ach,
Wie der Trojaner Volk, als mit Prophetenmunde
Kassandra einst zu ihnen sprach.
Wie jenen dort, ging's jetzt den Kleinen:
Manch Vöglein seufzte, das in Sklaverei geriet.
Wir glauben stets nur, was wir meinen,
Und sehn den Schaden erst, wenn er uns selbst geschieht.



Die Schwalbe und die kleinen Vögel
Tip: Der Mann im Mond - Online